Montag, 27. April 2015


Zur Geschichte des Richtfunknetzes der NVA :
Von den Richtfunknetzen der SED und der NVA zum Schmalbandrichtfunknetz der DP

 Es wird wohl Zeit, wieder etwas in das Netz zu stellen.
Folgende Themen zur Geschichte des Richtfunknetzes der NVA 
möchte ich mindestens aufgreifen:
der Übergang zum Schmalbandrichtfunknetz der DP
die Aufklärung des Netzes
das Richtfunknetz der 90er Jahre
zum Selbstverständnis des Parteiapparates
Heute der Beitrag  zum Übergang
Viel Spaß beim Lesen! Und sollte jemand Fragen haben 
oder eine Ergänzung, ich greife es gerne auf und 
stelle es ins Netz, selbstverständlich mit Zustimmung und Namen.

Ende der fünfziger Jahre wurde mit dem Aufbau eines parteieigenen Fernmeldenetzes in Form des Richtfunknetzes der SED begonnen.
Zum Jahreswechsel 1983/1984 wurde aus dem Richtfunknetz der SED das Schmalbandrichtfunknetz der Deutschen Post.
Das Richtfunknetz der NVA blieb weiterhin bestehen.
Die Ämter der Deutschen Post übernahmen Richtfunkstellen (Objekte), Geräte und Bestände an Material; Personal des Richtfunknetzes der SED wechselte zur Deutschen Post.
Ab dem 01.01.1984 gab es formal kein Richtfunknetz der SED mehr. Formal.
Wie kam es zu diesem Wandel? Wieso verzichtete der Parteiapparat der SED auf sein eigenständiges Nachrichtennetz und vertraute ihre Verbindungen der Deutschen Post an?
Hatte das Richtfunknetz der SED für den Parteiapparat seine Bedeutung verloren? Wurde es stillgelegt, weil alle Verbindungen abgehört wurden und so eine Nutzung unmöglich war? War das RFN der SED bedeutungslos geworden, weil das Sondernetz 1 die Verbindungen sicherstellte?
Um es vorwegzunehmen, weder der Parteiapparat noch die Nationale Volksarmee verzichtete auf ihre Nachrichtennetze. Die endgültige Verzichterklärung der SED und der NVA auf ihre eigenen Richtfunkverbindungen kam erst 1990.
Im folgenden wird der Übergang nachvollzogen und es werden einige mögliche Gründe für diesen Übergang erörtert. Leider liegt mir zu den Gründen des Übergangs kein Quellenmaterial vor.
Der Übergang selbst kann anhand von Dokumenten gut nachvollzogen werden.
In einigen Veröffentlichungen wird von einer Übergabe des Richtfunknetzes der SED an die Deutsche Post geschrieben. In offiziellen Dokumenten des Parteiapparates und des Ministeriums für Post und Fernmeldewesen wird der Begriff 'Überführung des Richtfunknetzes der Partei in das Gesamtstaatliche Nachrichtennetz' benutzt. Worin der Unterschied besteht, wird im weiteren deutlich.

Welche Gründe könnten zur Überführung haben?
Der erste Grund und vielleicht der wichtigste war der Zustand der Geräte.
An den Geräten nagte der Zahn der Zeit – in mehrerer Hinsicht.
Die verwendete Richtfunktechnik, die Übertragungstechnik, Stromversorgungstechnik und Vermittlungstechnik stammte aus den fünfziger Jahren. Trotz aller Bemühungen um eine Weiterentwicklung, es war und blieb eine veraltete Technikgeneration. Sicher, ein Teil der Übertragungstechnik bestand aus den mit Halbleiterbauelementen bestückten Trägerfrequenzgeräten TTF-4. Auch die Richtfunkgeräte waren durch Technische Änderungen 'modernisiert' worden. Die Wählvermittlungen waren Hebdrehwähler-Anlagen.
Ein Generationswechsel wäre notwendig und möglich gewesen, denn mittlerweile gab es kleinere, mit Halbleiterbauelementen bestückte, weniger energieintensive Geräte und auch schon rechnergestützte Geräte und Anlagen.
Eine neue Generation der Richtfunkgeräten hätte vermutlich in einem höheren Frequenzbereich arbeiten müssen. Die Übertragungsverfahren hätten mit hoher Sicherheit nicht analoge, sondern digitale sein müssen.
Kurzum, ein Generationswechsel der gesamten Gerätetechnik hätte sich vollziehen müssen.
Auch betriebswirtschaftlich waren die Geräte abgeschrieben und die Betriebskosten waren zu hoch im Vergleich zu neuen Generationen.
Eine solche Umrüstung wäre nur sinnvoll gewesen mit einem veränderten Betriebsdienst, beispielsweise einem rechnergestützten.
Auch die gesamte Struktur des Netzes wäre neu zu überdenken gewesen.
Das hätte ein Überdenken des Nachrichtensystems verlangt.
Die im Richtfunknetz der SED eingesetzte Generation von Geräten belastete zunehmend die Partei, wirtschaftlich und personell.
Ein weiterer Grund lag in der Zuverlässigkeit der Anlagen und Geräte.
Geräte und die darin befindlichen Bauelemente haben eine unangenehme Eigenschaft, die Wahrscheinlichkeit ihres Ausfalls steigt mit zunehmendem Alter oder wie es ingenieurtechnisch ausgedrückt wird, die mittlere Zeit zwischen zwei Ausfällen, die MTBF, sinkt. Dieses Verhalten wird in einer Badewannenkurve grafisch dargestellt.

Das technische Personal der Abteilungen Fernmeldewesen hatte es dank eines ausgezeichneten technischen Betriebsdienstes geschafft, die Ausfallwahrscheinlichkeit der Geräte zu senken.
So wurden 1979 bis 1961 mit einem Kostenaufwand von 0,5 MioM Elektronenröhren gegen Transistoren ausgetauscht. Dadurch sank der Energiebedarf um 1,5 MiokWh/a, die Kosten sanken dadurch jährlich um etwa 200 TM. Ein solches Ergebnis hatte auch enorme volkswirtschaftliche Bedeutung, war doch die Sicherstellung des Bedarfes an Elektroenergie immer ein echtes, gesamtgesellschaftliches Problem in der DDR. Auch der Wartungs- und Instandsetzungsaufwand sank dank der Bemühungen, etwa 27.000 Arbeitsstunden jährlich konnten eingespart werden.
Trotz aller Bemühungen stiegen die Aufwendungen für die Erhaltung der Betriebsfähigkeit.

Hinzu kam das Problem der beschaffbaren Bauelemente. Durch die Spezialisierung im RGW kam es nicht nur im Richtfunknetz der SED zu Lieferschwierigkeiten und zu Schwierigkeiten mit dem Qualitätsstandards.
Ein Beispiel aus dem Alltag soll das allgemeinverständlich illustrieren. Die Mitgliedstaaten des RGW – des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe – hatten eine internationale Spezialisierung auch bei Glühlampen vereinbart. So wurden Glühlampen mit einer bestimmten Leistung für den gesamten Wirtschaftsraum nur in einem bestimmten Land hergestellt. Kam es in diesem Land zu Problemen in der Produktion – aus welchen Gründen auch immer – kam es zu Lieferengpässen im gesamten Wirtschaftsraum beispielsweise bei Glühlampen mit einer Leistungsaufnahme von 75 Watt. Es gab monatelang einfach keine Glühlampen einer bestimmten Art.
Im Zuge dieser Wirtschaftspolitik wurde die Fertigung auch einiger Typen von Elektronenröhren in der DDR eingestellt, der Bedarf war durch Import aus einem anderen RGW-Land zu decken.Das war nicht ganz unproblematisch, da die Qualität dieser Elektronenröhren nicht immer den DDR-Standards, wodurch die Ausfallwahrscheinlichkeiten stiegen und die Lebensdauer sank. In den Abteilungen Fernmeldewesen wurden schon jeher die Elektronenröhren vor ihrem Einsatz 'künstlich' gealtert, um die Anzahl der Frühausfälle zu senken. Das half in der veränderten Situation mit den Importbauelementen nicht immer.
Ein weiterer Grund war der allgemeine Bauzustand der Richtfunkstellen. Der Großteil der Gebäude stammte aus den fünfziger Jahren. Zwar wurde der Zustand der Gebäude erhalten, aber auch dort wuchs der Erneuerungsbedarf, beispielsweise bei den Antennenträgern oder den Fassaden oder den Fenstern. Faktisch wuchs der Stau für die Erneuerung der Bauwerke.

Andererseits war der Einfluss der SED in Staat und Wirtschaft mit den Jahren so gewachsen, dass auch die 'Zuverlässigkeit' des Personals im staatlichen Nachrichtenwesen vom Parteiapparat deutlich höher als 1953 eingeschätzt wurde.
Hinzu kam, dass es seit den fünfziger Jahren weitreichende Veränderung auch im Staatlichen Nachrichtenwesen gegeben hatte. Im MPF gab es einen militärischen Bereich in Form der Zentralen Nachrichtenkommandantur und der Hauptabteilung I. In den Bezirksdirektionen gab es ebenso militärische Bereiche.
Diese Bereiche bereiteten den Verteidigungszustand vor und besorgten im Falle eines Notstandes oder im Verteidigungszustand die Aufrechterhaltung der notwendigen Nachrichtenverbindungen, auch für die auf dem Territorium handelnden Truppen des Warschauer Vertrages. Gesichert wurde damit auch die Zuverlässigkeit des Staatlichen Nachrichtenwesens im Sinne der SED.

Und letztlich hatten möglicherweise auch personelle Veränderungen in der Führung der Abteilung Fernmeldewesen einen Einfluss auf die Überlegungen zur Zukunft des Richtfunknetzes der SED. 

Obwohl im Planzeitraum 1971-1975 der Aufbau des Sondernetzes 1 begonnen wurde, scheint das zumindest im Jahre 1980 die Entschlussfassung zur Überführung des Richtfunknetzes nicht allzu stark beeinflusst zu haben. Zwei Daten belegen das : Die Überführung wurde bereits am 18.06.1980 beschlossen, der Anschluss der Nachrichtenzentralen der Partei an das Sondernetz 1 erst am 16.6.1982.

Was tun, sprach Zeus! Der Parteiapparat suchte nach Möglichkeiten, die anstehenden Probleme in Griff zu bekommen. Letztlich verblieb nur eine Möglichkeit, das Richtfunknetz musste abgestoßen werden. Andererseits mussten die Kommunikationsmöglichkeiten für den Parteiapparat erhalten bleiben. Dafür gab es wohl nur eine Möglichkeit, die Überführung.

In zwei Sitzungen beschäftigte sich das Sekretariat des Zentralkomitees der SED mit der Überführung, am 18.6.1980, und am 16.Juni 1982. Es dauerte über zwei Jahre, ehe das Sekretariat beschloss, 'das Richtfunknetz der Partei ab 1.1.1984 in das Gesamtstaatliche Nachrichtennetz' zu überführen.
In der Sitzung vom 16.6.1982 beauftragte das Sekretariat des Zentralkomitees den Ministerrat der DDR alle erforderlichen Maßnahmen zur Überführung einzuleiten.
Zur Unterstützung wurden bereits im Jahre 1983 11 Mitarbeiter aus der Abteilung Fernmeldewesen im ZK in das MPF überstellt, um die reibungslose Überführung abzusichern.
Es bestand also  keinesfalls die Absicht, das Richtfunknetz der Partei aus welchen Gründen auch immer abzuschalten und die Gebäude und die Technik abzugeben. Durch die Überführung wurde das Richtfunknetz der Partei als wichtiges Kommunikationsmittel erhalten, trotz möglicher Abhörbarkeit, trotz Sondernetz 1.

Im Ministerium für Post- und Fernmeldewesen gab es sicher anfangs in der Frage der 'Überführung' abweichende Meinungen, weil ein Schmalband-Richtfunknetz nicht unbedingt in das Gesamtkonzept der Deutschen Post passte.
Die Deutsche Post hatte in den letzten Jahren ein recht gut ausgebautes Breitband-Richtfunknetz. Nun sollte parallel dazu ein Schmalbandrichtfunknetz betrieben werden, mit anderen Geräten, anderen Bauwerken, anderem Personal. Die Techniker der Deutschen Post kannten in den wenigsten Fällen die im Richtfunknetz der SED oder der NVA eingesetzten Geräte. Die Mitarbeiter redeten von Primär- und Sekundärgruppen und sollten nun in 12-er-Gruppen denken! Verständlicherweise wurde gefragt, ob die wenigen Kanäle des Schmalbandrichtfunknetzes nicht auch besser im Breitband-Richtfunknetz bereitgestellt werden könnten.

Sei es wie es sei, das Richtfunknetz der SED - und damit auch das Richtfunknetz der NVA - wurde überführt und war nun das Schmalband-Richtfunknetz der DP.

Der Beschluss sah ursprünglich vor, das Richtfunknetz erst ab dem 01.01.1984 zu überführen. Tatsächlich war die Überführung im wesentlichen am 31.12.1983 abgeschlossen.
Die 11 Mitarbeiter der Abteilung Fernmeldewesen des ZK wurden in den Sektor Richtfunktechnik aufgenommen.
Fast 130 Mitarbeiter der Abteilungen Fernmeldewesen der Bezirksleitungen wurden von den Ämtern der Deutschen Post übernommen.
Zusätzlich zu den von den Abteilungen Fernmeldewesen übernommenen Mitarbeitern wurden weitere 95 Mitarbeiter der Deutschen Post für das 'Schmalbandrichtfunknetz der Deutschen Post' eingesetzt.
Auch die Ganzseitenübertragung für die Zeitungen 'Neues Deutschland' und 'Junge Welt' wurde der Deutschen Post übertragen.
Die Richtfunkobjekte der Partei im Wert von ca. 89 MioM wurden in den Verantwortungsbereich des MPF ohne Werterstattung übergeben.
Aus den Bezirksrichtfunkzentralen wurden Bezirks-Richtfunkübertragungsstellen.

Der Parteiapparat blieb der Hauptnutzer des Schmalband-Richtfunknetzes. Dafür sollten vom Parteiapparat an die Deutsche Post 20 MioM Mietgebühren gezahlt werden. Dazu gab es eine Orientierung im Parteiapparat. In Zusammenhang mit der Beratung im Sekretariat gibt es ein Schreiben des Genossen Ehrensperger (Planung und Finanzen) vom 09.6.1982 an den Genossen Günter Mittag, wonach diese 'Mietgebühren durch den Minister der Finanzen aus dem Staatshaushalt gezahlt werden. Die Erstattung aller Fernsprechgebühren aus dem Staatshaushalt beruht auf einer Festlegung des Genossen Erich Honecker aus dem Jahre 1973'.

Das RFN der NVA sollte weiter bestehen bleiben. Das Sondernetz 1 oder die Abhörbarkeit der Richtfunkverbindungen war offensichtlich kein Thema. Für das Richtfunknetz der NVA wurde zwischen dem Ministerium für Post und Fernmeldewesen und dem Ministerium für Nationale Verteidigung eine zusätzliche Vereinbarung erarbeitet und am 31.12.1983 durch Generalleutnant Paduch und Staatssekretär Dr. Calov unterzeichnet.

Die bisherige Form der Sicherung und Bewachung der Objekte durch Kräfte der Volkspolizei wurde beibehalten, das regelte eine weitere Vereinbarung zwischen dem Minister für Post und Fernmeldewesen und dem Minister des Inneren.

Am 17.2.1984 wurde in einer Dienstbesprechung des Ministers für Post und Fernmeldewesen der Abschlußbericht über die Erfüllung des Maßnahmeplanes des Ministers vom 23.8.1982 zur Überführung des Richtfunknetzes der Partei in das Gesamtstaatliche Nachrichtennetz vorgelegt. 

Ab 01.01.1984 gab es das Richtfunknetz der SED in der bisherigen Form nicht mehr, es gab nur noch ein Schmalbandrichtfunknetz der Deutschen Post.
Tatsächlich aber verzichtete das ZK der SED keinesfalls auf das wichtige Kommunikationsmittel 'Richtfunknetz', nur in einer anderen Form, trotz der möglichen Aufklärung durch den BND und den USA-Geheimdienst.

Was hatte der Parteiapparat erreicht?
Die bisherige personelle, materielle und finanzielle Belastung entfiel, es entfielen auch die Sorgen um die Zukunft des RFN der SED, besser, der Partei.
Und da die 20 MioM Mietgebühren wohl aus dem Staatshaushalt kamen, betrieb der Parteiapparat sein Richtfunknetz nunmehr kostenlos - unter anderem Namen.

Einen Überblick über das Schmalbandrichtfunknetz findet man bei SYGULLA und SCHWENKE.
Bei SCHWENKE ist auch vieles zur Geschichte des Richtfunknetzes der SED zu finden.

Damit war das Kapitel 'Richtfunknetz der SED' in der Geschichte der DDR fast abgeschlossen.

Anfang der achtziger Jahre wurde eine Neuauflage der Richtfunknetze als 'Grundnetz des Staatlichen Nachrichtenwesens – Teil Richtfunk'.

Mit der Wende 1989 wurde das Thema 'Richtfunknetz der SED' zeitweilig aktuell.
Im Zusammenhang mit der Abschaltung der Parteiorgane vom Schmalband-Richtfunknetz wurde diskutiert, ob die nun freien Übertragungskanäle für die Verbesserung der Versorgung der Bevölkerung mit Fernsprechanschlüssen genutzt werden könnten.