Sonntag, 23. März 2014

Zu den Vorplanungen zum Richtfunknetz der NVA

Zu den Vorplanungen zum  Richtfunknetz der Nationalen Volksarmee (RFN der NVA)


Dieser Eintrag ist wiederum ein Auszug aus einem größeren Text als eine Vorabveröffentlichung.
Zum vollen Verständnis wäre die Kenntnis eines vorangehenden Abschnittes zum Richtfunknetz der SED glücklicher. Aus verschiedenen Gründen wird die Veröffentlichung zurückgestellt. Dazu gehören auch die Klärung von Namensnennungen und Bildrechten. In diesem Beitrag sind deshalb nur Namensnennungen 'öffentlicher Personen' zu finden.
Dafür bitte ich um Verständnis und Geduld.
In diesen Beiträgen werden keine persönlichen Wertungen vorgenommen, das ist dem 'größeren Text' vorbehalten.
In einem gesonderten Eintrag werde ich auf die Entscheidungen des Nationalen Verteidigungsrates, das Richtfunknetz der Nationalen Volksarmee betreffend, eingehen.
Ein Hinweis zum Lesen sei gestattet.
In manchen Publikationen wird mit Begriffsbestimmungen und -inhalten oft nachlässig umgegangen. Beispielsweise wird nicht darauf geachtet, dass das Zentralkomitee der SED kein Verhandlungspartner des Ministeriums für Nationale Verteidigung war und sein konnte, Partner des Ministeriums für Nationale Verteidigung war immer das Sekretariat des Zentralkomitees.
In diesen Einträgen wird versucht, die Begriffe korrekt zu verwenden, sollte doch hin und wieder davon abgewichen werden, so ist das schlichtweg übersehen.

Das Richtfunknetz der SED bot alle Voraussetzungen für den Aufbau eines Richtfunknetzes der Nationalen Volksarmee zu Sicherstellung der Nachrichtenverbindungen der Führungsstäbe des Nationalen Verteidigungsrates im Verteidigungszustand.
Aus diesem Grunde wurde in Gesprächen die Möglichkeiten einer Nutzung des Richtfunknetzes der SED in diesem Sinne erörtert.

Erleichtert wurden Gespräche zwischen dem Ministerium für Nationale Verteidigung und dem Sekretariat des Zentralkomitee zur Errichtung eines Richtfunknetz der Nationalen Volksarmee (RFN der NVA) auch, weil der Leiter der Abteilung Fernmeldewesen Helmut Weihrauch  ehemals Abteilungsleiter in der Verwaltung Nachrichten gewesen war.
Georg Reymann und Helmut Weihrauch kannten sich also persönlich.

Nach ersten Gesprächen stimmte das Sekretariat des Zentralkomitee der SED dem Vorhaben zu,  gab jedoch vor:

1. Der Parteiapparat der SED und damit die Abteilung Fernmeldewesen mit dem Richtfunknetz der SED war, konnte und durfte kein Dienstleister des Ministerium für Nationale Verteidigung sein oder werden. Für die Sicherstellung der Nachrichtenverbindungen im Führungssystem des Nationalen Verteidigungsrates im Verteidigungszustand war das Ministerium für Nationale Verteidigung zuständig.
Das entsprach auch dem Selbstverständnis des Parteiapparates.
2. Die materiellen, personellen und finanziellen Aufwendungen des Aufbaus und des Betriebes des Richtfunknetzes der Nationalen Volksarmee (RFN der NVA) einschließlich der Aufwendungen im Richtfunknetz der SED habe das Ministerium für Nationale Verteidigung zu tragen.
3. Das Richtfunknetz der Nationalen Volksarmee (RFN der NVA) sei unabhängig vom Richtfunknetz der SED zu betreiben. Die Abteilung Fernmeldewesen werde entgeltlich den technischen Betriebsdienst sichern.
4. Das Ministerium für Nationale Verteidigung habe den Aufbau des Richtfunknetz der Nationalen Volksarmee (RFN der NVA) einschließlich der Veränderungen im Richtfunknetz der SED zu planen, zu projektieren und zu leiten. Die Abteilung Fernmeldewesen habe lediglich zu unterstützen, sofern es Belange des Richtfunknetzes der SED beträfe.

Nach dieser grundsätzlichen Übereinstimmung wurden die Zielstellung und die Vorgaben zur Verwirklichung eines  im Verteidigungszustand vom öffentlichen Fernsprechnetz unabhängiges Fernschreib- und Fernschreibnetz für die Führungsstäbe im Führungssystem des Nationalen Verteidigungsrates  unter Nutzung des Richtfunknetzes der SED durch Mitarbeiter der Verwaltung Nachrichten und der Abteilung Fernmeldewesen im Zentralkomitee der SED erarbeitet. 

Das geplante Richtfunknetz der Nationalen Volksarmee sollte ein Fernsprech-/Fernschreibnetz sein, in dem die Teilnehmer die gewünschte Verbindung durch Wählen selber aufbauen konnten und sollte sich demgemäß auf Vermittlungsanlagen stützen.

Die Wählvermittlungen des Richtfunknetzes der Nationalen Volksarmee (RFN der NVA) sollten in den Bezirksrichtfunkzentralen des Richtfunknetz der SED aufgebaut sein.

Das Richtfunknetz sollte alle Führungsstäbe im Führungssystem im Verteidigungszustand miteinander verbinden und und auch bei gegnerischen Handlungen gegen Teile des Netzes nutzungsfähig bleiben. Ein Teil dieses Personenkreises sollten Direktteilnehmer des Netzes sein, demnach über eine ihnen zugeordnete Rufnummer erreichbar sein.

Darüber hinaus sollten die Kommandos der Teilstreitkräfte, der Grenztruppen und der Militärbezirke und andere Stäbe das Netz nutzen können.

Um diese Vorgaben zu erfüllen, waren die Vermittlungen für Anschlüsse von Direktteilnehmern und mit Querverbindungen zu bestehenden Vermittlungen des Armeefernsprech-/fernschreibnetzes zu schaffen. Die Querverbindungen sollten erst im Verteidigungszustand aktiviert werden.

Die notwendigen Übertragungskanäle zwischen den Vermittlungen und zu den Teilnehmern sollten  über Richtfunkverbindungen bereitgestellt werden.

Die Leiter der Wehrkreiskommandos sollten über örtliche Kabelverbindungen im Netz der Deutschen Post (DP) mit den Endstellen des Richtfunknetzes der SED bei den Kreisleitungen der SED verbunden werden.

Den technischen Betriebsdienst, das war vor allem die Wartung und die Entstörung,  sollten technische Mitarbeiter Kräfte der Abteilungen Fernmeldewesen bei den Bezirksleitungen der SED übernehmen.

Die Überwachung der Betriebsfähigkeit der Verbindungen des Richtfunknetzes der Nationalen Volksarmee (RFN der NVA) sollte Personal der Nationalen Volksarmee übernehmen.

Im Jahre 1963 wurden die notwendigen Aufwendungen im Richtfunknetz der SED im Zusammenhang mit der Errichtung des Richtfunknetzes der Nationalen Volksarmee (RFN der NVA) erfasst.

Beteiligt waren von Seiten der Abteilung Fernmeldewesen beim Zentralkomitee der SED Siegmar Knecht für die Richtfunkverbindungen, Wolfgang Burucker für die Fernmeldeanlagen, Fritz Hoffmann für die baulichen Anlagen, Gerhard Gutmann für die Sicherheitsfragen. Seitens des Ministeriums für Nationale Verteidigung waren Erhard Horn und später hinzukommend Horst Zinke beteiligt.

Es war von vornherein abzusehen, dass das Richtfunknetz der SED nicht über alle notwendigen baulichen und anlagentechnischen Voraussetzung für die Entfaltung eines solchen Netzes verfügte.

Die für den Anschluss der Wehrkreiskommandos (Leiter Wehrkreiskommando)  notwendigen Kanäle konnten in den Endstellen der Kreisleitungen bereitgestellt werden
Für die Verbindungen zwischen den Führungsstäben  konnten die erforderliche Anzahl von Fernsprechkanälen und Fernschreibkanälen  nicht ohne Erweiterungen der Richtfunkstrecken bereitgestellt werden.
Es müssten zusätzliche Richtfunkverbindungen im zweistelligen Bereich aufgebaut werden.
In den vorhandenen Betriebsräumen der Richtfunkstellen konnten die zusätzlich notwendigen Flächen für die Vermittlungen, die Übertragungstechnik und die Richtfunkgeräte nicht zur Verfügung gestellt werden.
Im Richtfunknetz der SED müssten eine Reihe von übertragungstechnischen Anlagen umgerüstet werden.
Zwei Bezirksrichtfunkzentralen (Potsdam und Leipzig) müssten umgesetzt werden, weil ihre Nutzung wegen ihrer Lage im Stadtgebiet nicht möglich war. Die Zielstellung des Richtfunknetzes der Nationalen Volksarmee verlangte eine Lage der Richtfunkzentralen außerhalb von Ortschaften, das traf auf Leipzig und Potsdam nicht zu. Im Bezirk Neubrandenburg wurde die Bereichsrichtfunkzentrale bei Usadel errichtet, die Bezirksrichtfunkzentrale lag am östlichen Stadtrand von Neubrandenburg.
Das Richtfunknetz der SED war um drei Richtfunkzentralen auf dem Keulenberg nahe der Ortschaft Usadel bei Neustrelitz, auf einer Anhöhe beim Ort Phöben nahe Werder und auf dem Sorgenberg nahe der Ortschaft Machern zu Lasten des Ministeriums für Nationale Verteidigung zu erweitern.
Auf dem Golm bei Stülpe war die Hauptrichtfunkzentrale des Richtfunknetz der Nationalen Volksarmee (RFN der NVA) in einer ehemaligen Richtfunkstelle der Deutschen Post einzurichten.
An über zwanzig Richtfunkzentralen bzw. Richtfunkstellen des Richtfunknetz der SED waren bauliche Erweiterungen (Anbauten) notwendig, da die Betriebsflächen für die Aufnahme der zusätzlichen Anlagen nicht ausreichten.
In über zwanzig Objekten der Nationalen Volksarmee (RFN der NVA) waren neue Richtfunkendstellen zu errichten.
Das Wehrbezirkskommando in der Hauptstadt der DDR Berlin konnte aus Sicherheitsgründen (Aufklärung) keine eigene Richtfunkendstelle erhalten sondern müsste über Drahtverbindungen an die nächstgelegene Bezirksrichtfunkzentrale (Hauptrichtfunkzentrale)  angeschlossen werden. Die Nutzung des geplanten Fernsehturms Berlin wurde abgelehnt.
Für das Richtfunknetz der Nationalen Volksarmee (RFN der NVA) könnten die notwendigen Richtfunkfrequenzen (Richtfunkkanäle) im Frequenzband des Richtfunknetz der SED nicht bereitgestellt werden.
Der technische Betriebsdienst im Richtfunknetz der SED musste erweitert werden.
Die notwendigen Planungs-, Projektierungs- und Führungsleistungen für die Errichtung des Richtfunknetzes der Nationalen Volksarmee (RFN der NVA)  könnten nicht durch Personal des Richtfunknetzes der SED zusätzlich erbracht werden.
Die Beschaffung der zusätzlichen Geräte und Ausrüstungen müsste das Ministerium für Nationale Verteidigung absichern.
Die Überwachung der Verbindungen des Richtfunknetz der Nationalen Volksarmee (RFN der NVA) hätte das Ministerium für Nationale Verteidigung zu sichern. Dazu wären drei Überwachungsbereiche Nord (II), Mitte (I) und Süd (III) zu bilden, wovon der Überwachungsbereich I (Mitte) der vorgesetzte Überwachungsbereich für die beiden Überwachungsbereiche Nord und Süd sein sollte.
Einzig für die Montage der technischen Anlagen wären die technischen Kräfte bei den Bezirksleitungen einsetzbar.
Aus Gründen der Geheimhaltung und der Sicherheit bezüglich der Struktur und des Betriebes des Richtfunknetz der SED müssten alle Bauleistungen und auch die Bauprojektierungsleistungen von der Fundament GmbH als einem parteieigenem Betrieb übernommen werden.

Der Chef Nachrichten im Ministerium für Nationale Verteidigung Oberst Georg Reymann entschloss sich deshalb, eine Aufbaugruppe aus drei Mitarbeitern der Verwaltung zu bilden und sie mit der Planung und Leitung des Aufbaus des Richtfunknetz der Nationalen Volksarmee (RFN der NVA) zu betrauen.

Die erste und wichtigste Aufgabe war, die notwendigen Erweiterungen des Richtfunknetzes der SED zu ermitteln.

Im Zuge dieser Vorarbeiten waren im wesentlichen die grundsätzliche Struktur der Richtfunkverbindungen des Richtfunknetzes der Nationalen Volksarmee durch die Gruppe mit Erhard H., Wolfgang B. und Siegmar K. festgelegt.

Die Standorte der neuen Richtfunkstellen wurden mit einem bewährten Verfahren gefunden.

Das wichtigste Hilfsmittel dabei war ein Relief der des Territoriums der DDR.
Die Krümmung des Reliefs war den Ausbreitungsbedingungen der Richtfunkwellen angepaßt. Untergebracht war das Relief in einem völlig lichtdichten Raum in einem Kellergeschoß im Gebäude des Zentralkomitees.

Das Standortfindungsverfahren am Relief war einfach und verblüffend.
An  den Standorten der geplanten oder vorhandenen Richtfunkstellen wurde eine speziell präparierte kleine Glühlampe, wie sie in Taschenleuchten verwendet wurde, angebracht und eingeschaltet. Der Raum wurde für die Zeit des Verfahrens völlig abgedunkelt. Über dem Relief war ein Fotoapparat angebracht, der die Ausleuchtung des Reliefs festhielt. Auf der Aufnahme zeichneten sich beispielsweise benachbarte Anhöhen oder oder auch Flächen als helle Flecken  oder Flächen ab. Die Ausleuchtung war so ein Abbild der Ausbreitung der Richtfunkstrahlen. Zuletzt wurde eine Karte der DDR mit den Ortsnamen eingeblendet, so dass die Lage der erreichbaren Zonen rekonstruierbar war. Durch unterschiedliche Helligkeitsstufen konnte sogar die erreichbare Dämpfung abgeschätzt werden.
Der Vater des Verfahrens war Helmut Weihrauch.

Auf diese Weise waren die Standorte der drei neuen Richtfunkstellen bei Phöben, Usadel und Machern gefunden worden, genauer, ihre Nutzbarkeit nachgewiesen.
Gleichzeitig war nachgewiesen, welche anderen Richtfunkstellen von diesen Standorten erreichbar waren.
Ein Beispielbild ist oben  zu sehen, es diente dem Nachweis der Erreichbarkeit anderer Richtfunkstellen vom Standort Phöben aus.
Der Standort Phöben ist in dem Bild durch den dunklen, kreisrunden Fleck in der Mitte des Bildes markiert. Erkennbar ist, dass von Phöben aus der Golm bei Stülpe, das ist die 'Wolke'  rechts unten im Bild, erreichbar war.